Leseprobe: Dawkins und die kumulative selektion

Dawkins und die Kumulative Selektion

 

Nach der Pause bat Dawkins um das Wort: „ Ich habe mir jetzt Ihre letzten Diskussionen über unbeweisbare Vitalkräfte, imaginäre Felder, und merkwürdigen Wahrscheinlichkeiten mit denen Sie versuchen Darwin zu widerlegen, um anschließend die Existenz einer Intelligenz oder eines Gottes, der in der Evolution mitmischt zu rechtfertigen, geduldig angehört. 

Ich vertrete aber immer noch wie Darwin die Hypothese, dass wir weder Intelligenz noch Planung noch eine schöpferische  Kraft brauchen.

Ich muss zugeben, auf den ersten Blick ist Hoyles Wahrscheinlichkeitsberechnung imponierend, und es sieht aus, als würden Zufall und natürliche Selektion allein nicht ausreichen, um die Evolution dahin zu bringen wo wir sie heute vorfinden.

 

Ich habe aber eine Entdeckung gemacht, mit der die Evolution viel schneller und leichter vorankommt als Sie es bei Ihren Wahrscheinlichkeitsberechnungen voraussetzen.

Eine andere Art von Selektion, die ich Kumulative Selektion nenne, kann eine enorme Beschleunigung leisten, durch die andere Faktoren als die in Darwins Mechanismus völlig überflüssig werden.“

„Wie soll das denn funktionieren?“ wunderte sich Dembsky.

„Ich will es Ihnen an einem Beispiel erklären“, sagte Dawkins. „Als Mathematiker kennen Sie bestimmt das „Infinite Monkey Theorem“ das häufig bei solchen Diskussionen, wie wir sie führen, zitiert wird. Es besagt, dass ein Affe, wenn er zufällig in die Tasten einer Schreibmaschine oder eines Computers haut, irgendwann auch Shakespeares gesammelte Werke produzieren könnte. Man muss ihm nur beliebig viel Zeit lassen. Dies ist ein mathematisches Theorem das bewiesen ist.

Bevor jetzt Hoyle aber gleich wieder seinen Taschenrechner zückt und ausrechnet, dass er das niemals im Leben und nicht einmal in der bisherigen Lebenszeit unserer Erde schaffen kann, gehen wir gleich davon aus, dass die Zeit dafür bei dem so geplanten Versuch nicht reicht.“

 

Dawkins zog sein Smartphone aus der Tasche und sagte: „Hier auf meinem Handy habe ich eine App mit der ich Ihnen nun den Effekt der Kumulativen Selektion vorführen kann. Natürlich kann ich jetzt nicht den ganzen Shakespeare  auf die Schnelle produzieren, aber wenigstens einen Teil.

Ich habe einen Satz aus Hamlet gewählt der METHINKS IT IS LIKE A WEASEL lautet. Ja, ja Sie lachen. Ich weiß selbst, das klingt eher wie Jar Jar Binks, aber ich versichere Ihnen, es ist Hamlet.  Außerdem ist es für die Erklärung völlig unerheblich, von wem es kommt.

 Meine App wird nun aus einer beliebigen Zeichenkette durch zufällige Variation der Zeichen und durch Kumulative Selektion den Satz einigen wenigen Schritten produzieren.

Wenn Sie wollen Hoyle, können Sie ja ausrechnen wie viele   Versuche ich im Schnitt dafür haben müsste.“

 

„Gern!“ sagte Hoyle. „Wir haben es mit 28 Positionen zu tun auf denen 26 Buchstaben plus das Leerzeichen variieren, wenn wir nur Großbuchstaben verwenden.  Dann gibt es 28hoch27 Variationen. Das liegt in einer Größenordnung von 10hoch38.“

 

„Schön!“ sagte Dawkins. „ Nach Ihren eigenen Angaben ist die Erde 10hoch17 Sekunden alt. Wenn ich pro Sekunde eine Variation mit meiner App ausführe, werde ich es wohl nach Ihrer Meinung heute nicht mehr schaffen.

Dann mal los“.

 

„Halt!“ sagte Jonathan.  „Ich kopple Ihr Handy mit Bluetooth und screen mirroring auf meinen Laptop, und wir können es für alle auf dem Projektor zeigen. Dauert nur eine Minute.“

Nach einer Minute konnten alle gemeinsam das Schauspiel auf der Leinwand verfolgen. Dawkins startete mit einer wirren zufälligen Zeichenkette, die sich bei jedem Schritt etwas veränderte. Nach wenigen Schritten waren verschiedene Teile des gewünschten Zielsatzes zu erkennen, und diese wurden immer grösser und mehr. Nach nur 59 Schritten wurde der Satz „METHINKS IT IS LIKE A WEASEL“ angezeigt.

 

„Wie haben Sie das jetzt gemacht?“ fragte Dembsky erstaunt.

 

„Zufällige Variation und Kumulative Selektion!“ strahlte Dawkins.

 

„Das müssen Sie uns mal genauer  erklären, aber so dass es jeder versteht!“ verlangte Hoyle.

 

„Vulko, kann ich mal Ihre Würfel von gestern haben?“ bat Dawkins.

 

„Kommen sofort!“ rief Vulko und übereichte sie kurz darauf Dawkins.

Dawkins nahm drei der Würfel und begann. „Eine zufällige Variation erreichen wir einfach damit dass wir die Würfel werfen. Statt meines Satzes aus Shakespeare wollen wir nun drei Sechsen würfeln. Hoyle wie ist die Wahrscheinlichkeit hierfür?“

 

„1/6*1/6*1/6 – also 1/216“,  sagte Hoyle.

 

„Ich muss also im Schnitt 216 mal würfeln bis ich mittels gewöhnlicher Selektion dreimal die 6 finde“, fuhr Dawkins fort.  „Aber jetzt führe ich eine andere Art von Selektion durch – eine Kumulative Selektion.  Hierbei lasse ich einfach jede 6 auf dem Tisch liegen und würfele nur noch mit den übrigen Würfeln, die keine 6 hatten.“

Dawkins legte los und produzierte im Nu mit wenigen Würfen drei Sechsen.

Na Hoyle – wie oft muss ich im Schnitt würfeln?“

 

„11 mal!“ war Hoyles verdutze Antwort.

Dawkins würfelte weiter und es gelang ihm mehrere Male hintereinander drei Sechsen mit wenigen Würfen zu sammeln.

„Genauso funktioniert meine App nur mit Buchstaben und genauso funktioniert auch die Evolution nur mit den Bausteinen des Lebens wie Aminosäuren!“

 

Verblüffung und Begeisterung machte sich breit.

„Gratuliere Dawkins!“ meinte Huxley. „Jetzt haben wir es Hoyle und den anderen aber gezeigt, die übernatürliche Kräfte, Götter, Intelligenz oder imaginäre Felder bemühen.

„Gratuliere Darwin!“ meinten Andere. „Ihre Theorie hat sich endgültig mit Dawkins Hilfe durchgesetzt. Geht nach Hause, alle die nach einer anderen Erklärung sucht! Wir Darwinisten haben endgültig auf der ganzen Linie gesiegt!“

 

„Ich gehe!“ sagte Hoyle. „Aber nur wenn Dawkins beweisen kann, dass seine kumulative Selektion mit Darwins Evolutionstheorie in Einklang ist.

Vulko haben Sie noch einen dieser Klebezettel, die wir vorgestern beim Brainstorming verwendet haben?“

 

„Ich bringe Ihnen einen ganzen Block!“ rief Vulko.

Hoyle schrieb drei Zahlen auf den obersten Zettel und klebte ihn verdeckt auf den Tisch vor Dawkins, aber so das Dawkins nicht lesen konnte was darauf stand.

„So Dawkins!“ sagte Hoyle. „Sie und Darwin haben gewonnen und ich gebe mich geschlagen, wenn Sie meine drei Zahlen, die auf dem Zettel stehen, mit 11-mal würfen oder weniger mit Ihrer Kumulativen Selektion produzieren können. Ich sage Ihnen Bescheid, sobald die richtigen Zahlen auf dem Tisch liegen, und dann kann Vulko den Zettel aufdecken.“

Dawkins würfelte, aber man sah, dass er unschlüssig war  einen Würfel herauszunehmen oder alle liegenzulassen. Nach 11 Würfen hörte er Hoyle sagen: „Tut mir leid Dawkins, aber Ihre Kumulative Selektion greift wohl nicht in diesem Falle!“

 

Dawkins überlegte und meinte dann: „Ja bei diesem Versuchsaufbau mit den Würfeln scheint sie nicht immer zu funktionieren. Aber normalerweise funktioniert sie. Auf jeden Fall funktioniert sie bei der Evolution!“

 

„Ich kann Ihnen genau sagen,  warum sie nicht funktioniert“, entgegnete Hoyle. Sie funktioniert eben nur dann, wenn Sie das Ziel also meine drei Zahlen kennen und damit ist Information oder Intelligenz von außen an der Selektion beteiligt. Wie Sie und Darwin es aber selbst in Ihrer Evolutionstheorie definiert haben, kennt die Evolution kein Ziel. Damit dürfen Sie auch  meine Zahlen nicht vorher kennen!“

 

„Das mit den Würfeln war einfach das falsche Beispiel!“  verteidigte sich Dawkins. „Mit einem besseren Beispiel wird es funktionieren!“

„Das glaube ich nicht!“ sagte Hoyle. „Aber ich gebe Ihnen eine letzte Chance. Wenn Ihre App den Satz METHINKS IT IS LIKE A WEASEL nicht in seinem Code enthält, haben Sie gewonnen.“

 

„Aber ich weiß leider nicht wie ich so schnell den Code des Programms auftreiben soll“, meinte Dawkins.

 

„Nichts leichter als das!“ rief Jonathan. „Eine App ist normalerweise in Java geschrieben, sodass der Sourcecode dann sichtbar gemacht werden kann. Jonathan griff sich Dawkins Handy und schon nach wenigen Sekunden war der Code zu sehen. Jonathan scrollte langsam durch den Code und plötzlich erschien der Satz METHINKS IT IS LIKE A WEASEL.

 

„Da sehen Sie es!“ sagte Hoyle. „Auch Ihre App kommt nicht ohne Information von außen oder Intelligenz zurecht. Dabei ist die App nicht selbst intelligent sondern die Intelligenz kommt von ihrem Programmdesigner, also von Ihnen selbst und ist bei der Programmierung eingebracht worden. Ich will Ihnen ja gar nicht widersprechen. Eigentlich haben Sie mich sogar überzeugt,  dass die Kumulative Selektion funktioniert und für die Evolution einen Beitrag leistet.

Aber ich wage immer noch zu behaupten, dass dafür Intelligenz erforderlich ist. Im Gegensatz zu Ihrer und Darwins Theorie hat meine Theorie mit der Kumulativen Selektion keine ungelösten Probleme. In meiner Theorie darf ich den Zielsatz vorher kennen. Sie und Darwin dürfen das mit Ihrer Theorie nicht“!

 

 „Also gut Hoyle!“  meinte Huxley. „Wenn ich Sie recht verstanden habe, so meinen Sie Folgendes: Der Affe kann Shakespeares Werk erst schreiben, nachdem Shakespeare es verfasst hat, damit Dawkins ein  Programm schreiben kann, dass den Affen oder seinen Computer zielgerichtet durch Kumulative Selektion zum vorgegebenen Ziel bringt. Hierbei sind Shakespeares und Dawkins Intelligenz gefordert.“

 

„Aber da gibt es noch einen Punkt, der gegen die Anwendung der kumulativen Selektion spricht.“ meinte Hoyle. „Sie suchten doch nach einem Argument, um meine Wahrscheinlichkeitsrechnung bezüglich der Entstehung von Enzymen als abiotischen Prozess in der Ursuppe zu wiederlegen. Wie Sie aber bei der kumulativen Selektion sehen konnten, ist es eine unabdingbare Voraussetzung, dass eine Reproduktion stattfindet, um die schädlichen Mutationen zu kompensieren. In unserem Beispiel haben wir es aber gar nicht mit einem biologischen Prozess zu tun, sondern es handelt sich um Aminosäureketten und nicht um Lebewesen. Eine Reproduktion von Aminosäureketten ist uns aber nur bei Lebewesen bekannt. Unser Beispiel ging aber von einer Situation vor Entstehung des Lebens aus.“

„Ich glaube ich muss an dieser Stelle wieder eingreifen!“ meldete sich Vulko zu Wort. „Zweifellos konnten wir alle sehen, dass es eine Kumulative Selektion gibt und wie sie funktioniert. Der Beweis, dass diese auf die Evolution anwendbar ist und dabei ohne Information von außen und ohne Intelligenz auskommt ist jedoch nicht erbracht worden. Hierfür muss uns Dawkins erst ein Programm liefern, dass den Satz METHINKS IT IS LIKE A WEASEL nicht enthält.

Ich bitte deshalb Hoyle und alle Teilnehmer, die Darwins Evolutionstheorie skeptisch betrachten, noch weiter zu bleiben. Es erwartet uns noch eine Reihe weiterer Aspekte, die wir bisher völlig außer Acht gelassen haben, die uns aber der Wahrheit vielleicht noch ein gutes Stück näher bringen können.

 

Aber nach dieser hitzigen Diskussion haben wir uns erst einmal eine kurze Pause verdient bevor es weiter geht.