Hoyles Evolution aus dem All - Kometen, Viren und Bakterien

Auszug aus dem Kapitel: Die Ausbildung

Hoyle und die Evolution aus den All

„Also gut“, lenkte Jessica nochmals ein. „Wenn es so auf Ihr Interesse stößt, dann habe ich hier noch eine Theorie mit Außerirdischen.  Die sehen aber möglicherweise nicht ganz so aus, wie Sie sie erwarten. Außerdem wollen wir uns wieder mehr auf naturwissenschaftlichem Grund bewegen, als die Vertreter der beiden vorherigen Hypothesen.

Erinnern Sie sich noch an Fred Hoyle, der uns in früheren Kapiteln  bereits über den Weg gelaufen ist?  Fred Hoyle war ein anerkannter Astronom  und Mathematiker. Gleichzeitig war er aber auch ein Querdenker, der es wagte, die geltenden Paradigmen in Frage zu stellen und Hypothesen aufzustellen, die im Widerspruch zur gängigen Lehrmeinung stehen bzw. standen. Während ein  Teil seiner Hypothesen   Eingang in die offizielle Lehre fand, wie die Bildung von Elementen in Sternen, so sind andere falsifiziert, wie die Steady State Theorie.  Es gibt jedoch eine Reihe von Fred Hoyles Hypothesen, die weder falsifiziert wurden, noch bis jetzt in den Kreis der geltenden Theorien aufgenommen wurden.  Eine der wichtigsten möchte ich Ihnen nun vorstellen.

Fred Hoyle und sein Kollege Chandra Wickramasinghe erforschten den interstellaren Staub. Dabei maßen sie die Absorption   von Sternenlicht. Anhand der absorbierten Wellenlänge und der Intensität der Absorption schlossen sie auf die Natur und das Material des interstellaren Staubes. Im Bereich von 2200Å entdeckten sie ein Maximum von Absorption und begannen zu forschen, welches Material hierfür verantwortlich war. Das Material, das sie ursprünglich als den am besten geeigneten Kandidaten herausgefunden hatten, wurde jedoch im Laufe ihrer Forschungsarbeiten von einem anderen Material um ein Vielfaches übertroffen. Dieses Material bestand zum großen Erstaunen  aller aus Bakterien. Fred Hole stellte die Hypothese auf, dass ein signifikanter Teil des von der Erde aus unsichtbaren interstellaren Staubes aus Bakterien besteht. Bei ihrer Forschung konnten die die beiden Astronomen  eine Vielzahl von Indizien finden, die diese Hypothese untermauern.

Ausgehend von dieser Hypothese präsentierten Hoyle und Wickramasinghe Vorschläge für Theorien, die hierauf aufbauen. Zunächst einmal  ging man von den Eigenschaften aus, die Bakterien haben.  Man kam zu der Erkenntnis, das Bakterien ein ungeheures Reproduktionsvermögen haben. Hoyle als Mathematiker errechnete, dass wenn die Bakterien in der Lage wären, alles vorhandene Material für ihre Reproduktion zu verwenden, es nur eine Woche dauern würde, bis die gesamte Erde in Bakterien umgewandelt  wäre, eine Woche später die gesamte Milchstrasse und eine weitere Woche später das gesamte sichtbare Universum. Bakterien tolerieren auf diese Weise enorme Verluste, die sie auch bei einer minimalen Anzahl von Überlebenden in aller kürzester Zeit wieder ersetzen können.

 Man überlegte nun, wo sich Bakterien im Universum bilden konnten, und da Wasser eine Grundvoraussetzung für Leben in der uns bekannten Form ist, suchte man nach Wasser im Universum. Das meiste Wasser  in unserem Sonnensystem befindet sich jedoch nicht, wie man beim ersten Gedanken annehmen könnte, auf der Erde. Es findet sich jenseits der Bahnen von Uranus und Neptun in Form von Kometen. Nach neuesten Erkenntnissen, die übrigens auch auf Hoyle und Wickramasinghe zurückgehen, sind Kometen wie schmutzige Schneebälle mit einigen Kilometern Durchmesser.

 Als in unserem Sonnensystem  die Sonne und die Planeten aus einer Staubwolke kondensierten, bildeten sich aus der Wolke von interstellarem Material auch die Kometen in der so genannten Oortschen Wolke. Dort gibt es Milliarden von ihnen. Alle Voraussetzungen waren gegeben, dass sich in diesem Bereich auch Bakterien bilden konnten. Eine einzige Bakterie, die, wie das Material der interstellaren Wolke selbst, in einem anderen Teil des Universums gebildet und durch Sternexplosionen  verstreut wurde, würde ausreichen, alles zur Reproduktion geeignete Material in kürzester Zeit in Bakterien umzuwandeln. Deshalb geht Fred Hoyle davon aus, dass in den Kometen die Bakterien im wahrsten Sinne des Wortes überwintern. 

Neben Bakterien geht Hoyle auch von weiteren Microrganismen wie z.B. Viren aus, die sich im interstellaren Raum bilden konnten und auf Kometen überdauern.  Damit hat Hoyle nun einen Ausgangspunkt fuer weitere Hypothesen. So stellt er die Hypothese auf, dass das Leben gar nicht auf der Erde entstand, sondern aus dem Weltraum hierher kam. Das Transportmittel hat er bereits gefunden: Die Kometen. Immer wieder passiert es, dass Kometen die Oortsche Wolke aufgrund von Kollisionen oder Störungen durch Gravitiation anderer Himmelskörper ihre kreisförmige Bahn verlassen und auf einer langezogenen elliptischen Bahn Kurs auf das Zentrum das Sonnensystems, die Sonne, nehmen. Je näher sie der Sonne kommen, desto wärmer wird es, und der schmutzige Schneeball fängt an aufzutauen.

Je weiter sich der Komet der Sonne nähert, desto mehr verfluessigt sich und verdampft von seinen schmutzigen Schneeball. Ein Teil dieser Materie wird in den Raum verstreut und ist als Kometenschweif von der Erde aus zu erkennen. Nach Umrundung der Sonne nimmt der Komet, jetzt mit dem Schweif voran, wieder Kurs zum Rand des Sonnensystems.Manche Kometen werden jedoch von den Planeten abgelenkt und können auf Kreisbahnen mit kuerzeren Umlaufzeiten landen. Andere verlassen sogar das Sonnensystem, oder vor ein paar Jahren war sogar der Absturz des Kometen Levy- Schoemaker auf den Planeten Jupiter zu beobachten.

Die Bakterien und Viren, die auf den Kometen ueberwintern, werden zum Teil mit der abgestossenen Materie im Raum verteilt. Damit sind die Erde und auch die anderen Himmelskörper unseres Sonnensystems einem duennen Strom von Kometenmaterie aber auch den Viren und Bakterien ausgesetzt, besonders dann, wenn ihre Bahn die fruehere Bahn eines Kometen kreuzt." 

 „Faszinierend!“ meinte Vulko. „Aber soweit mir bekannt ist, reisen Kometen mit 30 000 Kilometern pro Sekunde. Als mich Svan heute Morgen mit dem Auto über den Highway mit 55 Meilen pro Stunde hierherfuhr, blieb von den Insekten, die auf die Windschutzscheibe prallten, nicht viel übrig. Bleibt also das Problem einer sicheren Landung. Außerdem dürfte es für Lebewesen ohne Schutzanzug im Weltraum sehr gefährlich sein, wegen der intensiven Strahlung, ganz besonders in der Nähe der Sonne.“

„Ganz recht, Vulko!“, erwiderte Jessica. „Deshalb ist es auch nicht möglich ganze Bakterien im Weltraum mit Satteliten einzufangen oder nachzuweisen. Man kann höchstens ihre Überreste von der Windschutzscheibe  abkratzen und analysieren, was der Sonde Giotto, die beim letzten Umlauf des Kometen Halley durch dessen Schweif flog, auch teilweise gelang.  Ebenso haben Bakterien keine Chance auf dem Mond zu landen, denn auch der hat keine Bremsvorrichtung wie unsere Erde. Im Gegensatz zu größeren Objekten wie Meteoriten, die beim Eindringen in unsere Atmosphäre wegen der enormen Reibung normalerweise verglühen, können sehr kleine Partikel wie Staub, Bakterien oder Viren durch unsere Atmosphäre vollständig abgebremst werden. Danach können sie unbeschadet zur Erdoberfläche absinken.“

„Dann müsste man sie ja auf der Erdoberfläche finden können“, meinte Vulko. „Hierbei haben wir nur ein Problem“, lachte Jessica. „Wenn Hoyle Recht haben sollte, dann sind sie schon seit Millionen Jahren hier und gehören praktisch zu unserer Umwelt. Wie sollten wir sie da erkennen können? Ihr Äußeres ist dazu kaum geeignet.

 Deshalb müssen wir  nach Eigenschaften oder Verhaltensmustern bei ihnen suchen, die auf ihre ungewöhnliche Herkunft schließen lassen. Hier kommt uns Ihr zweiter Einwand, dass es im Weltraum ohne Schutzanzug sehr gefährlich ist, zu Hilfe. Man hat Bakterien, die auf der Erde gefunden wurden, extremer Strahlung ausgesetzt, wie sie nur im Weltraum vorhanden ist. Eine Bakterie vom Typ Micrococcus radiophilus erhielt eine extremen Röntgenstrahlung, die mehrere Milliarden mal die maximale Strahlung auf der Erde übersteigt. Die DNA der Bakterie wurde hierbei an mehr als 10 000 Stellen zerstört. Trotzdem gelang es der Bakterie, diese Schäden in kurzer Zeit selbst zu reparieren und wieder voll funktionsfähig zu werden. Da muss man sich die Frage stellen, wozu die Evolution eine solche, für die Erde völlig unnütze Eigenschaft, entwickeln sollte, die nur für das Überleben im All einen Vorteil gibt.

Man hat außerdem festgestellt, dass es zwei Klassen von Bakterien gibt. Die eine liebt die Wärme und die andere die Kälte, was bedeutet, dass sie sich nur bei bestimmten Temperaturen reproduzieren können. Eine Kälte liebende Bakterie vermehrt sich nur bei Frostgraden. Das Interessante hierbei ist jedoch, dass Kälte liebende Bakterien im Boden tropischer Urwälder gefunden werden und Wärme liebende in der Arktis gefunden werden, wo sie niemals eine Chance haben sich zu vermehren. Fred Hoyle wertet auch diese Beobachtung als Indiz für eine Herkunft aus dem All.

Einen weiteren ungewöhnlichen Beitrag zur Indizienkette für Hoyles Hypothese  beschreiben er und sein Kollege Wickramasinghe in ihrer Dissertation Deceases From Space. Hierin untersuchen sie die Ausbreitungsgeschwindigkeit und die Ausbreitungsmuster von Krankheiten, die durch Bakterien oder Viren übertragen werden. Sie griffen dabei auf statistisches Material fremder Untersuchungen zurück, die ursprünglich ein ganz anders Ziel hatten. Hierbei konnten sie feststellen, dass die Grippe oder eine gewöhnliche Erkältung sich so schnell über ein Gebiet ausbreiten konnte, dass man eine direkte Ansteckung von Mensch zu Mensch oder durch die Verbreitung durch den Wind als alleinige Ursache ausschließen musste. Außerdem erkannte man, dass eine Grippewelle normalerweise an mehreren Orten gleichzeitig startete und von diesen einen begrenzten Ausbreitungsradius hatte.  Man fand zum Beispiel Aufzeichnungen von sardinischen Schafshirten, die lange Zeit völlig isoliert und relativ weit von anderen Menschen entfernt lebten, die gleichzeitig von Grippe oder Erkältung befallen wurden. Der Schluss, diese Beobachtung als Indiz für einen globalen Bakterien oder Virenbefall aus dem All zu werten, lag deshalb nahe. 

Man erforschte auch die Geschichte von Virenkrankheiten wie zum Beispiel der Pest. Hierbei konnte man feststellen, dass der Virus immer wieder vollständig nach einer Pestepedemi verschwand um dann mehrere Generationen später urplötzlich in vollem Umfang wieder zuzuschlagen. Die Herkunft des Pestvirus von einem oder mehreren Kometen, die auf Umlaufbahnen mit langer Periode um die Sonne kreisen, wäre eine mögliche Erklärung. Erklärbar wäre damit auch der alte Aberglaube, dass Kometen Pest und Verderben bringen, der sich dann gar nicht als Aberglaube erweisen würde.

Mittlerweile hat man auch Spuren von Bakterien gefunden, die auf andere Weise aus dem All zu und gelangt sind und zwar im Inneren von Meteoriten, die man gefunden hat. Tests konnten sogar nachweisen, dass für sie trotz extremer Aufprallgeschwindigkeit eine Überlebenschance besteht.

Die Idee, dass die Erde die Saat des Lebens von Bakterien aus dem All erhalten haben könnte, ist aber schon viel älter als Hoyles Theorien. Schon der schwedische Wissenschaftler Svante Arrhenius stellte im 18ten Jahrhundert die Hypothese auf, dass Bakterien im All existieren und sich dort unbegrenzt ausbreiten können. Die geringe Masse einer einzelnen Bakterie erlaubt es, dass sie bereits vom Strahlendruck, der von der Sonne oder von Sternen ausgeht, hinfort getrieben wird, sodass sie sich beliebig verbreiten können. Zusammen mit den Eigenschaften einer enormen Fähigkeit zur Selbstreparatur von Strahlenschäden sowie der Möglichkeit,  nahezu unbegrenzt in Kälte und Trockenheit überwintern zu können, ist diese Hypothese keinesfalls so antiquiert, dass man sie einfach ignorieren sollte.“

„Die Außerirdischen in diesem Kapitel sind aber nicht besonders groß“, lästerte Vulko. „Haben Sie denn keine größeren Kandidaten gefunden?“ „Auf jeden Fall keinen in Ihrer Größe!“, antwortete Jessica. „Aber es gibt tatsächlich auch größere Aspiranten. Wenn Ihnen also 2200Å zu klein war, so hätten wir noch was in der Größe von fast  einem Millimeter.

 Der Außerirdische wird Bärentierchen genannt. Es ist wie gesagt maximal einen Millimeter lang, hat sechs Beine und besteht aus vier Segmenten. Irgendwie hat sein tapsiges Aussehen zu seiner Namensgebung beigetragen. Es kommt in 750 Arten nahezu überall auf der Erde vor, wird aber wegen seiner Größe kaum zur Kenntnis genommen.  Was es jedoch in den Verdacht geraten lässt, ein Außerirdischer zu sein, sind eine Reihe merkwürdiger Eigenschaften, für die es auf der Erde kaum einen Bedarf gibt. So überlebt es Temperaturen, die knapp über den absoluten Nullpunkt bei -272 Grad liegen aber auch Temperaturen von deutlich über 100 Grad Celsius. Es überlebt im Vakuum oder bei einem Druck von 6000 Atmosphären. Es überlebt auch die 250 fache Dosis von Gammastrahlen, die für einen Menschen tödlich wäre. Bei Kälte oder Wassermangel kann es seinen Stoffwechsel auf praktisch Null herunterschrauben, sodass es nahezu unbegrenzt lange überwintern kann. Schwedische Wissenschaftler haben Bärentierchen 2008 im Weltraum ungeschützt ausgesetzt, und konnten feststellen, dass sie diese Prozedur völlig unbeschadet durchstanden.“

„Gut,“ freute sich Vulko. „Ich gebe mich mit einem Millimeter zufrieden.“

„Zufrieden mit ihren Hypothesen über Bakterien aus dem Weltraum waren Hoyle und Wickramasinghe aber noch lange nicht“, führte  Jessica den Bericht fort. „Als nächstes stellten sie die Hypothese auf, dass das Leben auf der Erde nicht in einer Ursuppe entstanden sei, sondern aus dem All hierherkam, sobald sich eine Atmosphäre gebildet hatte, die eine weiche Landung von Bakterien aus dem Weltraum ermöglichte.

 

(jetzt wird es noch interessanter - aber lesen Sie im Buch weiter!)