Der Vitalismus in Konfrontation mit einem mechanistischen evolutionären Prozess - Driesch vs. Huxley

Auszug aus Kapitel 3: Evolution im Kreuzverhör

Der Biologe Driesch bat zum ersten Mal ums Wort: „Meine Herren, ob Darwin oder Hoyle, in einem Punkt macht man es sich viel zu einfach.  Alle glauben, es reiche die Gene zu aktivieren, und schon wird eine Proteinsynthese in Gang gesetzt, die den Organismus formt und ihm seine entgültige Gestalt gibt. Wenn man die DNA von Menschen und Schimpansen vergleicht, so findet man eine erschreckend hohe Übereinstimmung. Diese ist mit 98,9% höher als bei verschiedenen Arten von Mäusen oder zwischen Esel und Pferd. Letztere können sogar gemeinsame, wenn auch nicht reproduktionsfähige Nachkommen haben. Trotzdem gibt es gewaltige Unterschiede zwischen der Gestalt eines Menschen und der eines Schimpansen.

 Es kann also nicht so sehr die Art der Gene sein, die die äußere Form bestimmt, sondern eher der Zeitpunkt, wann sie aktiviert werden und wie lange sie zur Gestaltung eines Individuums aktiv sind. Hier stellt sich die Frage, wodurch die Formgebung eines Organismus gesteuert wird. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Faktoren hierfür verantwortlich sind, die nicht im Rahmen der bekannten Naturgesetze erklärbar sind. Ich bin nach einer Vielzahl von Experimenten zu den Ergebnis gelangt, dass ein Lebewesen als eine Einheit gesehen werden muss. Es kann nicht, wie die Vertreter des mechanistischen Konzeptes behaupten, mit einer Maschine verglichen werden, die den Naturgesetzen folgt.

Wie ich auf so etwas komme? Ich will Ihnen von einigen meiner Experimente berichten. Ursprünglich experimentierte ich mit Embryonen von Seeigeln. Während der Embryoentwicklung tötete ich die Hälfte der Zellen mit einer heißen Nadel  ab. Das Ergebnis war trotzdem ein vollständig funktionsfähiger, wenn auch kleinerer Seeigel. Ich führte einen ähnlichen Versuch mit  Puppen von Libellenlarven durch, indem ich die Puppe teilweise abschnürte. Auch hier entwickelte sich eine vollständige, wenn auch kleinere Libelle. Welche Schlüsse kann man hieraus ziehen?

Die Entwicklung eines Organismus ist epigenetisch.  Das bedeutet, dass nicht etwa der   Organismus in seiner vollen Komplexität bereits im Ei vorhanden ist und anschließend nur noch zu wachsen braucht. Diese Hypothese  eines Homunkulus, der im Ei sitzt und wächst, ist seit langem falsifiziert. Dahingegen nimmt die Form und Organisation des Organismus unter seiner Entwicklung an Komplexität zu.

 Aus meinen Versuchen konnte man außerdem schließen, dass nicht von vorn herein und automatisch festliegt, was sich aus einer embryonalen Zelle entwickeln soll. Es existieren regulierende Mechanismen, die selbst bei erheblichen Schädigungen eines Embryos die Entwicklung weiter in Richtung Gesamtziel, also den vollständigen Organismus, steuern. Damit hat die Entwicklung des Lebens eines Organismus wenig mit dem Zusammenbau einer Maschine zu tun.

 Weitere Indikatoren hierfür sind auch die Regenerationsmöglichkeiten bei Lebewesen. So wächst zum Beispiel der Schwanz einer Eidechse, wenn sie ihn auf der Flucht vor einem Feind abgeworfen hat, wieder nach.  Wo soll denn solch eine steuernde Kraft herkommen, werden Sie fragen. Ich selbst bin zu dem Schluss gekommen, dass sie von außerhalb des sich entwickelnden Organismus kommen muss. Dies geschieht nicht auf materielle Weise, sondern durch Vitalfaktoren, die die Wahrscheinlichkeit für die Aktivierung und Deaktivierung von Genen beeinflussen. So können sie die Organisation von Zellen steuern.

Es gibt ein paar sehr interessante Versuche, um eine solche äußere Kraft nachzuweisen. Mein Kollege Harold Burr legte ein Salamanderembryo in eine alkalische Lösung.  Die Folge davon war, dass dieses vollständig auseinander fiel und die Zellen sich separierten. Nachdem er aber die Zellen in eine leicht säurehaltige Lösung überführte, schlossen sie sich wieder zu einem Embryo zusammen. Es gäbe noch mehr Beispiele, die Indizien dafür sind, dass das Leben immer auf das Gesamtziel ausgerichtet zu sein scheint. Ich möchte das ganze als Hypothese formulieren, die ich Vitalismus nenne.

Das Leben ist nicht ein Produkt der Materie, sondern ein organisierendes Prinzip hinter der Materie. Anders ausgedrückt: Naturgesetze und Zufall produzieren die Grundbausteine. Dann greift das Leben ein und organisiert sie zu komplexen Formen.“

Huxley meldete sich zu Wort und meinte: „Also jetzt muss ich aber Einspruch erheben! Wenn wir nicht übereingekommen wären, dass wir für diese Diskussion den Lösungsbereich erweitern, müsste ich diese Hypothese als absolut unwissenschaftlich zurückweisen. Es sind keinerlei Kräfte bekannt außerhalb der Naturgesetze, und mit denen funktioniert Drieschs Erklärung nicht. Was Driesch vorschlägt, verlässt den Bereich der Wissenschaft, und betritt den Bereich der Magie. Aber die hat doch selbst in unserer Diskussion nichts mehr verloren! Außerdem hält Driesch sich nicht an das wissenschaftliche Prinzip, dass man einen Lösungsvorschlag nicht unnötig komplizieren sollte. Da wir mit Darwins Ansatz eine wesentlich einfachere Erklärung für die Evolution haben, ist Drieschs Hypothese überflüssig.“

„Sie erinnern mich an etwas“, sagte Driesch zu Huxley. „Haben Sie schon einmal einen südafrikanischen Film gesehen, in dem ein Buschmann vorkommt?  Da darf eine Szene keinesfalls fehlen. Der Buschmann schaut in ein Fernrohr oder ein Fernsehgerät und stellt dann ganz nüchtern die Frage, wie denn die ganzen Leute in das Gerät gekommen sind.

Genauso kommen Sie mir vor. Auch wenn man das Gerät für Sie öffnen würde und Sie feststellten, dass da nur Bauelemente drin sind, würden Sie behaupten, dass die Bilder im Gerät vorhanden sind oder im Gerät produziert werden. Als Beweis würden Sie anführen, dass die Bilder verschwinden, wenn man Komponenten entfernt oder dass der Fernseher nicht schwerer wird, wenn man ihn einschaltet. Verglichen mit dem heutigen Niveau Ihrer Wissenschaft  wäre es Ihnen gelungen, einen kompletten Schaltplan des Gerätes zu zeichnen.  Aber selbst wenn es Ihnen damit möglich wäre, das Gerät komplett nachzubauen, würden Sie immer noch behaupten, dass die Bilder im Gerät produziert würden. Ihr begrenzter Horizont innerhalb Ihres eingeschränkten Lösungsbereiches hindert Sie daran, die richtige Lösung zu sehen. Genau das gleiche gilt für Sie und die übrigen Vertreter des mechanistischen Ansatzes, bei Ihrer Sicht auf das Leben und die Evolution!“

„So!“, ereiferte sich Huxley. „Dann wird der Buschmann Ihnen jetzt einmal den Unterschied zwischen einem  DVD-Spieler und  einem Fernsehgerät erklären, das seine Bilder von Radio Creation aus einem imaginären Vitalfeld empfängt! Wir können alles auf unsere Weise und mit Darwins Mechanismus im Rahmen der Naturgesetze erklären.

Sie können das nicht! Kaum jemand hat Zweifel daran, dass unsere Erklärungen auch richtig sind, im Gegensatz zu Ihnen, der Sie die Existenz von etwas fordern, das sich nicht nachweisen lässt und gegen die Naturgesetze verstößt.“ 

„Na gut“, meinte Driesch. „Dann sind Sie doch mal so nett und erklären uns mit Ihren Mitteln, wie es zur Formgebung eines Organismus kommt, warum aus einer Zelle ein Arm wird und aus einer anderen ein Bein, obwohl sie zu einem gewissen Zeitpunkt der Entwicklung identisch waren. Können Sie erklären, wie und warum sich ein geschädigter Organismus regeneriert und verlorene Teile wieder ersetzt?“

„Wo fangen wir am besten an?“, fragte Huxley. „Ich glaube, wie wir von der DNA zur Proteinsynthese gelangen, brauche ich nicht noch einmal zu erklären. Deshalb setze ich das jetzt mal als bekannt voraus.  Was bleibt ist die Frage, wie die Proteinsynthese kontrolliert wird, ohne dass ich irgendwelche unbekannten Kräfte außerhalb der Gesetze von Physik und Chemie bemühen muss. Gesucht sind also physikochemische Kräfte, die auf eine Zelle wirken.  Die Formbildung ist dann weitgehend von den physikochemischen Mustern abhängig, die innerhalb des Gewebes des entstehenden Organismus vorhanden sind.“

„Wie sollen die denn aussehen?“ fragte Driesch.

„Hierzu gibt es eine ganze Reihe denkbarer Möglichkeiten!“ antwortete Huxley. „In Frage kommen zum Beispiel Variationen in der Konzentration bestimmter Stoffe im Organismus. Das können Säuren, Salze oder auch andere lösliche Elemente sein. Genauso wäre eine elektrische Verteilung von Ladung oder Spannung im Organismus denkbar. Elektrisch chemische Oszillation käme genauso in Frage wie die Oberflächenbeschaffenheit benachbarter Zellen, die direkt Kontakt miteinander haben. Durch direkten Kontakt könnten diese eine Information zur Kontrolle der Proteinsynthese direkt vermitteln. Es gibt noch eine Reihe komplexerer Alternativen, die ich hier nicht aufzählen möchte. Die Zellen reagieren dann bei der Proteinsynthese auf all diese Einflüsse von solchen Faktoren. Solche physikochemischen Faktoren kann man als eine Art von Positionsangaben ansehen, die von den Zellen gedeutet werden.“

„Aber dies sind doch alles nur Vermutungen, die experimentell nicht bewiesen sind!“ wandte Driesch ein.

„Zugegeben, die Vorgänge bei der Formentwicklung sind noch sehr wenig erforscht und keinesfalls vollständig erklärt“, sagte Huxley. „Aber meine Hypothese liegt immer noch im Rahmen der Naturgesetze.“

„Aber wie soll eine Zelle die Positionsangaben denn verarbeiten?“ hakte Driesch nach.

Huxley antwortete: “Die Zellen werten die Positionsangaben anhand ihres genetischen Programms aus und veranlassen so die Synthese bestimmter Proteine. So wird der Organismus zu seiner entgültigen Form gesteuert.“

„Haben Sie jetzt nicht Ihren eigenen zulässigen Bereich verlassen?“ fragte Behe. „Ein Programm setzt einen Programmierer voraus,  der es geschrieben hat. Den wollen Sie doch unter allen Umständen aus der Wissenschaft verbannen! Wenn Ihnen die Lehrsätze der Kybernetik bekannt wären, wüssten Sie, dass der Programmierer immer eine höhere Intelligenz besitzen muss, als das Programm selbst, egal wie viel an künstlicher Intelligenz Sie auch hinzufügen.“

„Aber das genetische Programm hat keinen Programmierer!“ antwortete Huxley. „Es ist durch die Evolution mittels Darwins Mechanismus der zufälligen Variation und natürlichen Selektion entstanden.“

„Jetzt hat die Hypothese aber langsam das gleiche Niveau erreicht, als wenn jemand behaupten würde, das Betriebssystem  auf meinem Computer, wäre durch eine Folge von Kopierfehlern, die von den Anwendern positiv aufgenommen wurden, entstanden!“ konstatierte Jonathan Clayburn.

„Ich glaube ich muss an dieser Stelle eingreifen“, unterbrach Vulko. „Huxley  hat eine Hypothese über einen Mechanismus aufgestellt, von dessen Existenz er ausgeht, den er aber nicht genau im Detail beschreiben kann.  Das Problem besteht darin, dass er sich zur Beschreibung einer Fachsprache aus einem anderen Fachgebiet, der Informatik bedient hat, die diese Begriffe aber auf eine andere Art verwendet.

Ich möchte deshalb den Sachverhalt wie folgt darstellen: Huxley vermutet in seiner Hypothese eine genetische Kontrollfunktion, die er ungeschickter Weise als genetisches Programm bezeichnet hat. Diese Kontrollfunktion soll durch die Evolution entstanden sein, und sie hält sich an die Naturgesetze. Wie sie genau funktioniert, das kann  er zur Zeit nicht oder noch nicht mit den Begriffen der Physik und Chemie erklären. Damit liegt er von der experimentellen Beweisbarkeit fast genauso weit weg wie Driesch mit seinen Vitalfaktoren. Sein einziger Vorteil ist, dass er eine Lösung innerhalb der Naturgesetze fordert. Als wissenschaftliches Paradigma ist Huxleys Vorschlag zur Zeit beim heutigen Stand der Forschung allerdings genauso wenig geeignet wie der Vorschlag von Driesch.“

„Danke Vulko, dass Sie mir diese Diskussion erspart haben!“, sagte  Huxley. „Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können.“

Jetzt wird es noch interessanter - aber lesen Sie selbst weiter im Buch!