Leseprobe: Der Geschäftsführer

Jonathan D. Hillman genoss seinen ersten Bürokaffee und begann den Arbeitstag damit, seine Mailbox zu kontrollieren. Ganz oben im Eingangskorb blinkte eine Mitteilung der Konzernleitung an den oberen Führungskreis. Hillman war der Geschäftsführer einer nationalen Niederlassung des Konzerns Treanco International Comuncation Devices kurz TREANCO genannt, der mit Kommunikations-, Elektronik- und IT-Produkten einen signifikanten Anteil auf dem Weltmarkt hatte. Er öffnete die Mail, und was er hier zu lesen bekam, war ganz und gar nicht erfreulich.

Es war eine Analyse der letzten Hauptversammlung der Aktionäre. Zwei Equity Firmen und eine Großbank hatten im letzten Jahr mehrere große Aktienpakete erworben, die es ihnen erlaubten, nun gemeinsame Forderungen an den Vorstand zu stellen. Man verglich TREANCO mit seinem schärfsten Konkurrenten auf dem Weltmarkt, der NAMAFORA LTD, die eine Umsatzrendite von fast 10% erreichte und ihren Marktanteil erheblich gesteigert hatte, währen TREANCOs Rendite bei weniger als der Hälfte lag, und der Weltmarktanteil zurückging.

Man forderte umgehend Maßnahmen, die Marktanteile zurückzugewinnen und eine Zusage des Vorstandes, die Umsatzrendite von NAMAFORA innerhalb von zwei Jahren zu erreichen. Ansonsten könne man sich vorstellen, die Wiederwahl der Vorstandsvorsitzenden zu blockieren.

Die Konzernleitung hatte eine solche Zusage bereits beschlossen und forderte nun ihrerseits von den Managern des oberen Führungskreises entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Hillman war zunächst ratlos, und in der Aufregung war sein Morgenkaffee kalt geworden. Was jetzt gefragt war, waren Ideen, wie das Problem angegangen werden sollte, und er überlegte, wer ihm helfen könne.

Nach kurzer Zeit fiel im sein langjähriger Geschäftsfreund Carl Forrester ein. Carl A. Forrester war Geschäftsführer und einer der Hauptaktionäre der Firma IMASUCO, was für International Managment Support and Consulting stand.

Carl hatte sicher das Know How, die Erfahrung, denn sein Unternehmen genoss den Ruf, Firmen mir wirtschaftlichen Problemen erfolgreich und schnell wieder in Schwung zu bringen. Außerdem kannte er sicher TREANCOs Konkurrent NAMAFORA etwas besser als er selbst.

Jonathan Hillman griff zum Telefon und rief Carl Forrester an. Leider erreichte er nur Carls Sekretärin Maggie. Er wollte so schnell wie möglich einen Termin mit Carl. Maggie stellte fest, dass Carl in der aktuellen Woche komplett ausgebucht war, und auch für die nächste Woche sah es nicht gut aus.

Jonathan schlug vor, dass man sich vielleicht kurz zum Lunch treffen könne, um Carl schon einmal kurz zu vermitteln, was sein Problem war und vorab zu klären, ob er ihm damit helfen könne. Maggie gelang es tatsächlich, ein Lunchmeeting für den übernächsten Tag um 12:15 im örtlichen Hilton Hotel einzuschieben, das genau gegenüber von IMASUCOs Bürogebäude lag, sodass Carl in weniger als fünf Minuten dorthin gelangen konnte.

Pünktlich um 12:15 traf Jonathan Hillman im Hotelrestaurant des Hilton Hotels ein. Am Eingang zum Restaurant wartete eine Hostess, die ihn fragte, ob sie behilflich sein könne. „Carl Forrester hat einen Tisch zum Lunch für uns auf seinen Namen reservieren lassen“, sagte er.

Folgen Sie mir, bat die Hostess und führte ihn an einen etwas abgelegenen Tisch in einer Nische des Restaurants, an dem man sich ungestört unterhalten konnte. Carl Forrester wartete schon auf ihn.

Grüß dich Carl, schön dass du so kurzfristig Zeit für mich disponieren konntest. Wie geht es dir?“ begrüßte ihn Jonathan.

Privat geht es bestens, und geschäftlich kann ich auch nicht klagen!“ entgegnete Carl Forrester. „Wie geht es dir selbst? Aber nimm erst einmal Platz, und lass uns etwas zum Lunch bestellen!“

Ein Kellner trat an den Tisch heran und überreichte die Tageskarte. Nach einem kurzen Blick hinein meinte Carl: „Das Tagesmenü kann ich sehr empfehlen. Als Vorspeise gibt es eine Clam Chowder und als Hauptgericht ein Schwertfischsteak auf Saffranreis.“

Das nehmen wir!“ sagte Jonathan und gab seine Karte an den Kellner zurück. „Und bringen Sie uns eine große Flasche Mineralwasser mit zwei Gläsern! Das ist dir doch Recht Carl, oder bist du deinem Prinzip 'Kein Alkohol vor Sonnenuntergang' untreu geworden?“

Carl grinste leicht und nickte.

Um auf deine Frage zurückzukommen, wie es mir geht kann ich nur sagen, bis vorgestern ging es mir noch gut, bis ich eine E-Mail von der Konzernleitung öffnete. Das ist auch der Anlass, weswegen ich dich so dringend treffen wollte. Ich hoffe auf deine Hilfe oder wenigsten einen guten Rat von dir.“

Gut!“ meinte Carl. „Dann lass mal hören, worum es geht.“

Ich habe dir die E-Mail einfach ausgedruckt. Hier ist sie. Schau sie dir an, und sag mir, was du davon hältst.“

Carl nahm das Papier in die Hand und studierte es. Dann gab er es Jonathan diskret wieder zurück.

Das hier ist eine ganz ernste Sache“, begann er nach einer Minute Schweigen. „Diese Hedgefonds und Equity Firmen spekulieren nicht nur mit Aktien, sondern wollen Firmenpolitik machen, sobald sie über genügend Aktien verfügen. Haben sie erst einmal eine Sperrminorität erreicht, so können sie einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Firmenpolitik ausüben. Das Problem ist, dass sie dabei eigene Ziele, die sich häufig nicht mit den Firmenzielen decken, verfolgen. So sind sie normalerweise auf schnelle und kurzfristige Gewinne aus. Langfristige Investitionen sind von geringerem Interesse. Das zeigt auch die Forderung, nach einer Rendite in der Größenordnung eures Konkurrenten NAMAFORA, die ihr in nur zwei Jahren erreichen sollt.

Wenn es dir nicht gelingen sollte, die Ertragslage in deinem Verantwortungsbereich erheblich zu verbessern, dann weißt du, was mit solchen Firmenbereichen geschieht. Die Devise solcher Aktionäre lautet: Fix it, sell it, close it!“

Das hört sich gar nicht gut an!“ sagte Jonathan. „Was kannst du mir in meiner Situation raten?“

Für einen Rat ist es noch zu früh“, entgegnete Carl. „Zunächst einmal brauche ich Daten und Fakten zu deinem Geschäftsbereich und zu deinem Konkurrenten.“

In diesem Moment wurde die Vorspeise serviert und die Diskussion wurde kurz unterbrochen.


Eine wichtige Frage zuerst“, nahm Carl die Diskussion wieder auf. „Worin sieht du das Hauptproblem, dass deine Umsatzrendite der Konkurrenz hinterherhinkt?“

Jonathan überlegte kurz und antwortete dann: „Die Produktionskosten und Personalkosten sind einfach zu hoch! Es wird immer schwieriger in diesem Land zu produzieren bei den gegenwärtigen Lohnkosten und Steuern. Da sind so hohe Renditen überhaupt nicht mehr möglich.“

Hast du mal überlegt, wie es die Firmen mit den höchsten Renditen machen? Ich meine Firmen die extrem erfolgreich sind und immer noch ihren Firmensitz in diesem Land haben?“.

Hmm..“ brummte Jonathan.

Nenn mir mal die erfolgreichste Firma in unserem Land, die dir spontan einfällt“, meinte Carl.

Jonathan überlegte kurz und sagte dann: „Apple“.

Was glaubst du wie viele Produktionsstätten Apple besitzt?“ fragte Carl.


Also da hab ich keinen genauen Überblick“, entgegnete Jonathan. „20 bis 30 vielleicht, und die meisten liegen vermutlich nicht in unserem Land.“

Ich will es dir sagen“, lachte Carl. „Keine einzige! Die Wertschöpfung wird vorwiegend mit Produktdesign, Innovation, Marketing und natürlich mit erfolgreichem Management, einer guten Planung und einer zuverlässigen Logistik erzielt.“

 

Der Kellner trat heran und servierte den Hauptgang. „Zweimal Schwertfischsteak auf Saffranreis! Guten Appetit die Herren!“ sagte er.