Leseprobe

Geist und Materie


Zunächst einmal sollten wir eine einigermaßen brauchbare Definition von Geist haben. Leider gibt es eine ganze Reihe von Definitionen, die sich signifikant unterscheiden, je nachdem von welchem wissenschaftlichen Zweig sie abgegeben werden.

Die Definition des Materialisten haben wir ja schon kennengelernt. Geist ist nichts anderes als ein Nebeneffekt der Gehirntätigkeit. Das bedeutet im Klartext: Den Geist gibt es gar nicht.

Das bringt uns aber nicht weiter. Eine Definition, die von einer breiteren Bevölkerungsschicht akzeptiert werden könnte, ist die aus dem Fachbereich der Psychologie. Mit Geist in Bezug auf den Menschen bezeichnet man eine Reihe kognitiver Fähigkeiten. Hierzu zählen: Das Wahrnehmen, Erinnern, Lernen, Vorstellen, aber auch alle Formen des Denkens, wie das Überlegen, Planen, Entscheiden, Bewerten, Kontrollieren und Strategien verfolgen.

Aber kann das eine Maschine denn nicht auch?

Wenn wir uns auf die Suche nach dem Unterschied zu einer Maschine begeben wollen, müssen wir und mit weiteren Begriffen, die auf dem Geist beruhen, wie Bewusstsein, Intelligenz oder dem ICH, befassen. Dazu ist ein etwas genauerer Exkurs erforderlich, damit man versteht, was mit solchen Begriffen wirklich gemeint ist. Es gibt unzählige Schriften, die auf schlechten oder schwer verständlichen Definitionen und schwer verständlichen Fachbegriffen aufbauen, sodass der Leser sehr schnell anfängt, nur noch den Inhalt einer Hypothese zu verstehen, aber nicht mehr die logischen Schlüsse zu ihrem Beweis nachvollziehen kann. Er geht dazu über, das zu glauben, was gesagt wird, ohne es richtig zu verstehen, oder er gibt einfach auf.

Ich möchte natürlich nicht, dass Sie das Buch wieder aus der Hand legen, weil Ihnen etwas zu hoch, unverständlich oder abgehoben erscheint und werde deshalb versuchen, einen ungewöhnlichen Sachverhalt mit einfachen Mitteln deutlich zu erklären. Ich werde auch darauf achten, dass ich nicht selbst den Fehler wissenschaftlicher Arbeiten mache und die Ebenen von denen die Begriffe herkommen, verwechsele. Sie haben es vielleicht bemerkt, dass eben bei der Definition des Geistes nur Begriffe verwendet werden, die Tätigkeiten beschreiben. Es wäre deshalb ein Fehler, den Geist mit einem Ding oder einer Substanz zu erklären. Dann kommt man sicher wieder zu dem Fehlschluss: Den Geist gibt es ja gar nicht!

Wir bewegen uns auf zwei unterschiedlichen Ebenen auf denen unterschiedliche Beziehungssysteme vorliegen, wie auch bei dem Text in diesem Buch. So haben zum Beispiel, die Regeln der Rechtschreibung, die für die Wörter in diesem Buch gebraucht werden, gar nichts mit der Grammatik der Sätze und schon überhaupt nichts mit der Logik des Inhalts zu tun.

Aber lassen Sie uns bei dem Thema Geist und Materie einfach schrittweise vorgehen.

Der Vergleich mit einer Maschine kann uns dabei manchmal sehr nützlich sein. Bei der Gegenüberstellung mit dem menschlichen Geist möchte ich einfach meinen eigenen hernehmen, weil ich den auch am besten kenne.

Auf der einen Seite lebe ich in einer materiellen Welt, die ich durch meine Sinne wahrnehme. Ich sehe die Dinge, die um mich herum stehen, höre Stimmen und Geräusche, fühle Wärme, Kälte oder Dinge, die ich mit meiner Hand greife oder berühre, spüre Gerüche, schmecke die Speisen und Getränke, die ich zu mir nehme oder merke, wenn ich stolpere und das Gleichgewicht verliere.

Hierzu habe ich unterschiedliche Sinnesorgane, die Signale aus meiner Umgebung empfangen. Die Information, die ich wahrnehme wird in meinem Gehirn eine Struktur aus miteinander verbundenen Nervenzellen abgebildet.

Na gut werden Sie sagen, aber das kann mein Handy auch. Mein Handy hat eine Kamera, ein Mikrophon, einen Touchscreen der Berührungen spürt, einen Annäherungssensor und einen Orientierungssensor der merkt, wenn es gedreht und in eine instabile Lage gebracht wird. Zugegeben, mit dem Geruchssinn und Geschmackssinn hapert es noch ein bisschen.

Wie wir sehen, haben Lebewesen Sinnesorgane und Maschinen Sensoren, die auf ähnliche Art und Weise Daten sammeln können. Aber Daten sind zunächst einmal nur Strukturen ohne Bedeutung. Sie müssen erst einmal zu sich selbst in Beziehungen zueinander gesetzt werden, damit aus ihnen eine Information mit Bedeutung wird. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Information verstanden wird. Eine Information තහනම තහනම් hat für Sie wahrscheinlich keine Bedeutung, genauso wie für eine Maschine.

Sie müssen sie in Beziehung zu dem setzen, was Sie bereits kennen. Vielleicht kommt Ihnen dann der Gedanke, dass es sich um indische Schriftzeichen handeln könnte. Da Sie aber kein singhalesisch können, beschließen Sie, die Information zu ignorieren. So werden Sie also nie erfahren das diese Zeichen „Durchgang Verboten“ bedeuten. Ein Inder hätte damit wohl weniger Probleme.

Ein Beispiel wie es einer Maschine nicht gelingt, etwas in die richtige Relation zu setzen, weil sie auf der falschen Ebene arbeitet, ist Folgendes: Geben Sie einfach mal Katze beißt Hund in Google ein. Google kann mit rasanter Geschwindigkeit Zeichen auf der Ebene der Zeichen vergleichen und entsprechende Dokumente finden, aber von Grammatik versteht es bei der Suche nichts. Google kümmert sich nicht darum, was Subjekt und was Objekt ist, also wer wen beißt oder ob überhaupt jemand gebissen wurde.

In den ersten beiden Treffern von Google werden Hund und Katze beide als Subjekt behandelt. Bei den nächsten drei Treffern werden Subjekt und Objekt verwechselt, also der Hund beißt die Katze. Danach folgt ein Treffer bei dem das Objekt ignoriert wird. Erst dann folgt ein korrekter Treffer.

Erst Sie selbst können, da Sie auch auf dem Niveau der Grammatik vergleichen können, in diesen Fall die richtigen Treffer identifizieren. Aber stellen Sie sich vor, sie suchen nach einem Rat, weil Sie etwas nicht wissen. Wenn Google die Frage nicht versteht, weil nach Zeichen und nicht nach Information mit einer Bedeutung gesucht wird, ist das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit unbrauchbar. Also glauben Sie nur nicht, dass Sie auf Wissen verzichten können, weil Sie immer Ihr Handy dabei haben und statt nachzudenken googeln können.

Sehen wir uns noch ein weiteres Beispiel an. Sie empfinden ein unangenehmes Gefühl. Wenn sie es in Relation zu den Ihnen bekannten Gefühlen setzen, gibt es Ihnen zu verstehen, dass es ein bisschen kalt ist. Sie haben den Wunsch, dieses unangenehme Gefühl zu vermeiden.

Dieses Wissen setzten Sie nun mit Ihrem Orientierungswissen in Ihrem Kurzzeitgedächtnis in Relation. Sie befinden sich in Ihrem Büro, Türen und Fenster sind geschlossen, das Büro hat einen Heizkörper. In Ihrem Langzeitgedächtnis finden Sie die Information, dass die Heizung ein Ventil hat, mit dem man die Temperatur erhöhen kann. Sie beschließen genau das zu tun. Bisher war alles nur ein gedanklicher Prozess von Ihnen. Das Resultat ist jedoch, dass Sie nun in die reale Welt eingreifen und eine höhere Temperatur einstellen, indem Sie Nervensignale an ihre Beinmuskeln und Armmuskeln senden, aufstehen, zur Heizung gehen und das Ventil nach links drehen. Mit Hilfe Ihrer Intelligenz gelingt es Ihnen, das unangenehme Gefühl zu vermeiden.

Aber das kann ein Thermostat doch auch, werden Sie jetzt sagen. Ein digitales Thermostat erzielt das gleiche Ergebnis aber auf andere Weise. Es empfängt eine Information, sagen wir 13 und kennt eine Beziehung zwischen einem Wert 14 und einem Auslöser für einen Mechanismus, der bei einem Wert kleiner 14 ein Ventil öffnet. Zusätzlich kann es den aktuellen Wert in Beziehung zu 14 setzen. Außerdem hat es eine technische Lösung in Form eines Mechanismus zum Öffnen des Ventils.

Aber intern haben wir das Problem auf unterschiedliche Art und Weise gelöst. Das Thermostat hat keine Gefühle. Es weiß nur das eine interne Variable den Wert 13 hat. Es ist so programmiert dass wenn gilt: „ Wert kleiner 14 dann Auslöser betätigen“.

Ist das denn nicht auch intelligent? Die Antwort ist eindeutig ja. Die Intelligenz der Ingenieure, die dieses Thermostat entworfen haben, ist Teil des Thermostats, das diese intelligente Aktivität auslöst.

Diese Intelligenz ist genau auf die Aufgabe „wenn Wert kleiner 14, dann Ventil öffnen“ zugeschnitten. Es braucht weder ein Kurzzeitgedächtnis mit Orientierungswissen, noch braucht es ein Langzeitgedächtnis mit Langzeitwissen.

Es hat keine Ahnung, dass der Zahlenwert etwas mit der Zimmertemperatur zu tun hat oder der Auslöser die Heizung öffnet.

So merkt es weder, dass es sinnlos ist, das Ventil zu öffnen, wenn ich gar nicht anwesend bin, noch dass die Fenster weit offen stehen, sodass die gewünschte Wirkung nicht erfolgt.

Nun könnten Sie sagen, zwei drei extra Sensoren können auch dieses Problem lösen und hätten damit sicher Recht. Aber das Problem ist ein anderes.

Sobald ich mit einer neuen Situation konfrontiert werde, die ich weder erlebt habe noch von anderen Personen erfahren habe, wie man in diesem Fall damit umgeht, kann ich selbst aus der Information in meinem Gedächtnis Schlüsse ziehen, was zu tun ist und auf die neue Situation reagieren. Ich kann Erfahrungen aus anderen Umgebungen in die aktuelle Umgebung übertragen.

Das Thermostat kann dies nicht und öffnet das Ventil, auch wenn es bei offenen Fenster sinnlos ist.

Man spricht von starker Intelligenz, wenn neue Lösungen für ein Problem entwickelt werden, und von schwacher Intelligenz wenn vorgefertigte oder vorprogrammierte Lösungen für eine erwartete Situation hergenommen werden.

Maschinen benutzen im Allgemeinen schwache Intelligenz, wobei man allerdings oft auf einem ganz anderen Niveau als unser Thermostat arbeitet.

Selbstfahrende Autos sind hierfür ein gutes Beispiel.

Im Zeitalter der Digitalisierung übertragen wir allerdings immer mehr Teilaufgaben an Maschinen. Wir ersparen uns das Rechnen, indem wir den Taschenrechner auf unserem Handy laden. Unser Orientierungswissens beschränken wir auf die nähere Umgebung und überlassen den Rest unserem Navi. Wir brauchen uns keine unnötigen Fakten mehr zu merken, denn wir können ja alles unter Google jederzeit mit unserem Handy abrufen. Wir erlernen auch keine besonderen Fähigkeiten des alltäglichen Lebens, wie Tapezieren, die Heizung entlüften oder eine Lasagne zuzubereiten. Für alles gibt es doch sicher einen Youtube Film oder eine Dienstleistung, die man kaufen kann.

Einerseits ist die Übertragung solcher Aufgaben eine Bereicherung für unser Leben, andererseits birgt sie die Gefahr in sich, dass wir in bestimmten Alltagssituationen ohne technische Hilfsmittel verloren sind. Wenn das Navi weit von zuhause ausfällt, können sich viele nicht mehr orientieren, weil sich den Geographieunterricht für uninteressant hielten.

In einer Umfrage, wovor die Jugendlichen am meisten Angst hätten, kam der Ausfall des Handynetzes an erster Stelle. Aber wir wollen ja hier erkunden, was der Geist ist und den Unterschied zur Materie und den Maschinen herausarbeiten. Vielleicht erfahren wir dabei, das es eben nicht nur Materie und Maschinen sind, die einen Stellenwert in unserem Leben einnehmen sollten.

 

 

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